| 2006-05: Atletico Madrid - Osasuna 0:1 |
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| Geschrieben von: Matthias Berghoefer |
| Dienstag, den 16. Januar 2007 um 19:08 Uhr |
Atletico Madrid - Osasuna 0:1 (3.5.2006)Das Schwert dringt bis zum Heft in ihn ein, bleibt stecken, wird dem Matador aus der Hand gerissen - ungläubig verfolgt der mächtige schwarze Stier, wie sich der Mörder abwendet, die Handflächen nach oben dreht und den Kopf neigt, offenbar leicht enttäuscht. Es sind die letzten Atemzüge, die das starke Wesen da unten in der gewaltigen Stierkampfarena von Madrid tun wird. Nach zwei Minuten Stillstand, bei dem die Menge den Atem anhält, fängt es an zu taumeln, stolpert, fällt.Bis eben hatte ich noch gehofft, man würde den Stier verschonen. Den Picador mit der bohrenden Lanze hat er samt seinem dick gepolsterten Pferd, das vor Angst schlottert, zweimal auf die Hörner genommen und die Schutzwände hoch gerammt, die Toreros und Bandilleros durch das Rund gehetzt – und dennoch stirbt er nun, wird blutend von drei bunt geschmückten Rossen durch den gelben Sand aus der Arena geschleift. Es ist der Dienstag Abend fünf Tage nachdem wir im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan von Sevilla eine unvergessliche Europapokal-Nacht erlebt haben. Eine, in der der Geschlagene offenbar auch nicht wusste, dass es um Alles ging. Eine, die die Anhänger des Siegers zu einer großartigen Nacht machten, und die doch unsagbar traurig war und mich bis heute deprimiert. In dieser Minute stirbt ein Stier, damals starb etwas anderes. Seither sind wir fast 2000 Kilometer durch Spanien und Portugal gefahren, haben Wüste, Berge und das Meer gesehen, riesige Klöster, wunderbare Kunst, großartige Zeugnisse der Geschichte, diverse bunte EM-Stadien am Wegesrand, fröhliche Menschen und all das, ein Fest für die Sinne, mit einem offenen Auto, bei 30 Grad und mehr, unter königsblauem Himmel und südlicher Sonne. Im römischen Theater von Merida, mitten im Nichts ein paar Stunden nördlich von Sevilla, hatten die Jungs auf den Rängen mir beim Anblick der Schalke-Kappe wissend zugenickt, ohne Häme und mit einem Stolz, wie sie wohl nur Spaniern innewohnt. Noch immer ist es nicht gewichen, dieses quälende, dumpfe Gefühl im Bauch, dass da in Sevilla endgültig etwas verloren ging, etwas, das nie mehr wieder kommen wird. Die Lust am Fußball ist soweit verschwunden, dass wir Gelegenheiten zu Erstliga-Kicks in Figuera de Foz und Porto verstreichen ließen. Wir brauchen noch ein Weilchen Abstand. Hier in Madrid ist der Stier jetzt Geschichte, nur eine rote Spur auf gelbem Staub erinnert an ihn. Die Leute gehen schweigend, während der Matador sich für den nur halb gelungenen Stich vor den Kameras rechtfertigt. Gäbe es nicht eigentlich einen viel grundlegenderen Anlass zur Beschämung? Kein guter Abend, irgendwie. Der nächste Morgen. Die Stadt scheint zu wissen, dass wir nicht mehr lange bleiben werden, und hat begonnen zu weinen. Ganz leicht fällt der Regen aus einem grauen Himmel über der spanischen Hauptstadt, und das Thermometer zeigt nur noch 23 Grad. Der besten Ehefrau von Allen geht’s nicht besonders, deshalb ziehe ich allein los, mit dem Bus zum Plaza de Toledo, umsteigen und mit der 17 hinunter zum Fluss. Ein paar Schritte weiter, und ich stehe vor dem Vicente Calderon, dem Stadion von Atletico Madrid. Heute Abend spielen die Rot-Weissen gegen Osasuna, und wir wollen dabei sein. Das Estadio steht praktisch auf einer Verkehrsinsel, rundherum lärmen die Autos und quälen sich durch Baustellen. Schön ist das nicht. Wenn man dagegen die Pracht am und rund um den Tempel von Real Madrid sieht – was für ein Unterschied! In der Gegengeraden ist der Fanshop untergebracht, hat offen. „Klar“, meint einer der Jungs dort, „Eintrittskarten gibt’s an Porta 5 oder hier an der Maschine, falls Du ne Kreditkarte hast“. Wir labern auf Englisch, denn auf Spanisch reichts nur zum Kaffee bestellen, seit Barcelona auch für „auf die Polizei fluchen“ und seit Sevilla zum Erklären, dass man leider keinen Schal zum Tauschen mehr hat. Mit der Maschine will ich nix zu tun haben, deswegen lauf ich hinunter zu den Kassen – die machen erst um 11 auf, in zehn Minuten, wie mich der einzige ebenfalls wartende Bube informiert. Ich wandere also erstmal nebenan zum Tunnel, der die überdachte Tribüne unterquert, und entdecke dort eine Glastür, durch die man die Ränge der Gegenseite sieht. Die Tür ist nur angelehnt, also trete ich ein. „Will nur mal gucken“, sag ich dem verdutzten Mann von der Security, und der lässt mich auch durch, und so stehe ich also im Vicente Calderon, im Unterrang, links unter der Anzeigentafel, und was ich sehe, das gefällt. Ein richtiges Fußballstadion. Mit „ohne Dach“ auf drei Tribünen, so wie’s sich gehört. Der Rasen wird eben nochmal in Form gebracht, und in den Katakomben wirbeln irgendwelche Helfer. Den Security-Mann frag ich, wo denn hier „Fondo“ oder „Lateral“ sei, und der antwortet, dass die Karten billiger würden, je weiter oben ich welche nähme. Aha. Das war zwar nicht die Frage, aber da drüben hängt ja ein Stadionplan. „Fondo“ ist also hinter dem Tor, und „Lateral“ die Gegengerade. Hätte man auch so drauf kommen können. Wieder an der Kasse geht’s schnell. Der Mensch am Schalter, anders als der bei Real, kennt sein Stadion und versteht englisch. Wegen kränklicher besseren Hälfte und Regen über der Stadt, nehme ich Karten für die überdachte Tribüne. Weit oben, nahe zur Fankurve der Heimelf. 36€ pro Stück. Wie die Laufschrift über der Kasse ankündigt wäre „Hintertor“ für 20-26€, und Gegengerade für 30-36€ zu haben gewesen. Auf der Haupt geht’s bis 60€ hoch. Nicht von schlechten Eltern. Ich geh nochmal in’s Stadion, schauen, wo ungefähr der gewählte Block sein wird, und ein Häuflein Osasuna-Fans, das eben auch vorbei kommt, schleicht hinter mir her. Es werden die einzigen Gästefans sein, die ich heute zu sehen bekomme. Ich vollende die Stadionrunde, vorbei an in die Tribüne eingemietetem Immobilienmakler, Autowerkstatt und anderen Läden, passiere einen Schulhof auf dem organisiert Fußball gespielt wird, und in einer Nebenstraße nehm ich an der Theke Kaffe und Gebäck ein, dann schnapp ich mir am Hotel die holde Hellenin und zerre sie ein paar Stunden durch die Stadt. Vor ein paar Wochen waren wir schonmal hier, bei Real gegen LaCoruna, und hatten damals keine Zeit für die Otto-Dix-Ausstellung in der Fundacion Juan March, weil das Wetter so schön war, und in der Ciudad Real Madrid die königliche „Zweite“ gegen Levante spielte. Heute nachmittag gibt’s keine störende Fußballkonkurrenz, und die 90 Dix-Gemalde, meist aus deutschen Museen ausgeliehen, sind erste Sahne. Eintritt frei. Sauber. Im stärker werdenden Regen fahren wir nochmal an Las Ventas vorbei, der Stierkampfarena, wo die Tour leider längst vorbei ist, und dann per UBahn bis zur Station „Sevilla“, deren Namen mich wieder melancholisch werden lässt, die aber eben mitten in der Stadt liegt, wo jetzt erstmal was gegessen wird. Um 18:45h ziehen wir endlich los, zum Stadion. Fünfzig Minuten vor Anpfiff ist ein paar Block entfernt vom Vicente Calderon nichts, aber auch gar nichts davon zu spüren, dass hier gleich ein Fußballspiel der ersten Liga steigen wird. Dann endlich rauschen wenigstens mal zwei Fanbusse vorbei. Die Atletico-Fahne in der Heckscheibe, und davor lauter Rentner. Jetzt die ersten mobilen Verkaufsstände, mit Fahnen und Schals, oder mit Nüssen und Regen-Umhängen. Die letzten hundert Meter zum Stadion sind für Autos gesperrt, nur die breite Straße, die unter der Tribüne hindurch führt, steckt voller PKW, und dahinter stehen die Massen im Stau – das wird sich bis Spielende nicht ändern. Vorne steht der Bus von Osasuna, davor ein halbes Dutzend Polizeibullis und Pferde mit Ordnungshütern drauf. Interessiert keinen. Wir kaufen an einem der Stände was zu trinken, und dann gehen wir rein. Kontrollen gibt’s keine, wie auch schon in Sevilla. Wir tapsen den Unterrang hoch, vorbei an Ledersesseln hinter Glas, dann in die Tribüne hinein, wo gackernde Hostessen auf ihre VIPs für die in die Jahre gekommenen Logen warten, ein Mädel um neue Mitglieder wirbt, und ein älterer Herr rote Sitzkissen an den Mann bringen will. Marode Treppen geht’s hinauf bis unters Dach, dann sind wir da. Schöner Blick ins weite Rund, dahinter die Altstadt von Madrid. Nicht übel. Die Plastiksitze sind leicht verstaubt, aber gegen Regen geschützt. Und metallene Armlehnen haben sie auch – was für ein Luxus! Hinter uns bauen Reporter ihre Laptops auf, vor uns putzt ein hilfreicher Ehemann seiner Frau mit Mineralwasser den Sitz sauber (ich vermeide derweil den Blick meiner Angetrauten) und dann bläst der Kerl sogar noch Sitzkissen auf für sein Schatzi. „Sowas wollten wir doch gar nicht haben!“ sag ich vorsorglich mal in die Menge hinein, und sehe aus den Augenwinkeln, wie meine Europameisterin die Augen zusammenkneift. Lieber schnell mal in einem der beiden Stadionhefte blättern, und rasch von was anderem schwätzen. Spielt der Wolfsburger Petrov nicht hier? Hauptsache „das Thema wechseln“ Ein Opa kommt vorbei und will Cola und Nüsse verkaufen. Da sehen die, die in der Schalke Arena neuerdings Eis an den Platz bringen aber echt frischer aus (abgesehen davon, dass die meist weiblich sind). Das Stadion ist nicht mal halb voll. Sehr schade. Nach dem unglaublichen Tohuwabohu im Pizjuan ist das hier eine Art Regionalliga-Partie. Hat aber trotzdem was. Das Maskottchen der Madrilenen scheucht die Mannschaft zur Aufstellung, die schlagerähnliche Hymne ertönt, und dann geht’s los. Osasuna spielt wieder genauso wunderbar systematisch, ruhig und organisiert, wie wir sie vor ein paar Monaten mal beim FC Barcelona gesehen haben. Damals sind sie dann in der zweiten Halbzeit von Messi und Ronaldinho niedergemacht worden – solche Könner hat Atletico allerdings nicht zu bieten. Zwar kommt Petrov schon nach zwei Minuten, weil sich einer übel verletzt, aber er bringt so gut wie gar nichts zustanden. Fernando Torres, der große Star, hat ein paar gute Läufe in den ersten zwanzig Minuten, und wird dann nicht mehr gesehen. Und Kezman? Tja, anfangs bemüht, nachher ein Totalausfall. So geht Osasuna nach 15 Minuten mit 1:0 in Führung und kontrolliert die Partie. Rechts unter uns stehen die Ultras, ein relativ kleiner Haufen. Sie bemühen sich, und singen die 90 Minuten fast vollständig durch. Manchmal begleitet der Rest des Stadions sie, aber meist sind sie allein. Immerhin gehen die Leute hier etwas mehr mit als die im Bernabeu – aber Anlass dazu haben sie eigentlich kaum, denn das Spiel ist eher schwach, und Osasuna gibt sich keine Blöße. Wo in Sevilla das bei Schalkern inzwischen berühmt berüchtigte „Ui!“ durch’s Rund tobt, wenn’s was zu staunen gibt, da rufen die hier eher „Aisch!“. Das klingt eher skeptisch als es der Ruf der optimistischen Andalusier tut. Aber das „Aisch!“ kommt nur zweimal, denn öfter passiert nichts wirklich Spannendes. Der Regen nimmt weiter zu, die Leute fliehen unter den Oberrang, oder in den Schatten der auf die Gegengeraden aufgesetzten Logen. Auf der Anzeigentafel wird mit einer kleinen Musik die Einblendung von Ergebnissen auf anderen Plätzen eingeleitet. Immer wieder ist das Pizjuan dabei. Schon nach vierzig Minuten führt der FC Sevilla gegen Bernd Schuster’s Getafe mit 3:0. Und jedesmal, wenn das nächste Tor aus Sevilla an der Tafel erscheint, überkommt mich Trauer – ich gönne den Roten den Sieg, aber allein den Namen des Stadions zu lesen erinnert mich an den Verlust, an diese überraschend furchtbare Traurigkeit, die mich nach dem Schlusspfiff vor ein paar Tagen überrollt hat. Und dann reisen die Gedanken und ich verpasse ein paar Minuten vom Spiel in Madrid. Dort geht’s kurz hoch her. Ein Foul, ein Kopfstoßduell, Rudelbildung – und fünf Minuten lang stehen sich schreiende Spieler gegenüber, während der Schiedsrichter dreißig Meter entfernt seelenruhig darauf wartet, dass die Kerle das unter sich regeln. Die Zuschauer pfeifen, aber am Ende gibt’s einfach nur Freistoß, und keine einzige Karte. Erstaunlich. Dann ist Halbzeit. Ein paar Fans dürfen versuchen, an Hindernissen vorbei den Ball aus 18 Metern einzunetzen. Gelingt manchen – was es zu gewinnen gibt, das weiss ich nicht. Die Ultras stimmen inzwischen das von den Schalker Ultras ebenfalls entdeckte „OleOleOle-OlaOlaOla“ an, und das klingt auch hier eher einschläfernd. Allerdings haben die Atletico-Fans eine Melodie drauf, die ist noch um zwei Klassen müder – ich hoffe, die schafft es nie in die Arena. Ich bin froh, als sie endlich umschwenken auf „Moonlight Shadow“, und dann auch mal Weisen bringen, die ich noch nicht kenne. Auf dem Rasen passiert nicht viel, aber dann fliegt einer von Osasuna mit Gelb-Rot vom Platz. Das weckt die Zuschauer, die sonst nur richtig böse und laut werden, wenn der Idiot von Linienrichter da hinten wieder mal nicht gesehen hat, dass einer der Gästespieler den Ball noch zur Ecke abgefälscht hat. Auch der Trainer wird wach. Er bringt Maxi Rodriguez für den inzwischen unsichtbar gewordenen Kezman. Maxi ist neben Torres der Lokalheld: Lange Haare, sieht gut aus, bewirkt gar nix. Den größten Beifall erhält der Schiedsrichter. Als ein Zuschauer einen zweiten Ball auf’s Feld wirft, spurtet er hin, überholt dabei gar einen Profi, und drischt das Ei mit aller Macht in die Tribüne – leider kann ich nicht erkennen, ob er den Übeltäter an der Stirn getroffen hat. Das Volk jedenfalls johlt ob der ungewohnten Einlage. Als hinten in der Stadt die Kathedralen in der schwärze der Nacht beleuchtet werden, beginnt ein starker Sturm, der Regen wird heftig, der Wind eiskalt. Gut, dass wir die Jacken mitgenommen haben! Die Jungs neben uns haben ihre Rotweinpullen inzwischen vernichtet, das scheint sie etwas zu wärmen. Oben an den Tischen redet einer laut ins Telefon, ein Reporter, der aussieht wie Mirko Slomka. Das deprimiert mich wieder etwas. Hinter uns hustet und spuckt einer, dass einem Angst und Bange wird. Klingt nach offener Tuberkulose. Mein Schatz friert, und bibbert, und mag das Spiel nicht mehr sehen. Wir klettern also hinab, laufen durch die Tribüne solange es geht im Trockenen, kommen vorne im Unterrang heraus, wo Polizei tatenlos herumsteht. Gleich ist Schluss. An eine Wende glaubt hier eh keiner mehr. 0:1 geht das Spiel verloren, die Leute gehen ruhig, enttäuscht. Zeitgleich mit dem Schlusspfiff endet der Regen – ein Wunder. Draußen ist immer noch Stau, rund um’s Stadion tun Horden von Abschleppwagen ihren Dienst, und wir latschen hinüber zur Straße, wo der Bus fährt – schon eine Station weiter ist von Fußball nichts mehr zu sehen. Atletico... ich hatte mir viel davon versprochen, aber es war kein gutes Spiel, in einem ziemlich leeren und ruhigen Stadion. Bin schon gekommen mit schlechter Laune, auch das sicher ein Grund für den mäßigen Abend. Wieder im Hotel verrät der Videotext, dass zeitgleich Schalke gegen Bielefeld gewonnen hat. Wie, das steht da nicht. Ich hoffe, mit Einsatz, mit Willen, erhobenem Kopf und mit Spielwitz. Na ja.... morgen geht’s heim, und am Samstag schon wieder nach Mainz. Dann, von meinem Platz im Bruchwegstadion aus, werd ich’s ja sehen. Man lernt halt, die Hoffnung nicht aufzugeben. Zumindest nicht ganz. Den Orginalbericht mit Bildern finden Sie auf: Schalke News - » mberghoefers Berichte » Atletico Madrid - Osasuna 0:1 (3.5.2006) |



